DRITTER TEIL

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Im vierten Jahr unseres wortreichen, wortkargen Kontakts kam ein Gruß. »Jungchen, die letzte Geschichte war besonders schön. Danke. Hanna.«

Das Papier war liniert, eine aus einem Schreibheft herausgerissene und glattgeschnittene Seite. Der Gruß stand ganz oben und füllte drei Zeilen. Er war mit blauem, schmierendem Kugelschreiber geschrieben. Hanna hatte den Stift mit viel Kraft geführt; die Schrift drückte auf die Rückseite durch. Auch die Adresse hatte sie mit viel Kraft geschrieben; der Abdruck fand sich lesbar auf der unteren und auf der oberen Hälfte des in der Mitte gefalteten Papiers.

Auf den ersten Blick hätte man meinen können, es sei eine Kinderschrift. Aber was an der Schrift von Kindern ungelenk und unbeholfen ist, war hier gewaltsam. Man sah den Widerstand, den Hanna überwinden mußte, um die Linien zu Buchstaben und die Buchstaben zu Wörtern zu fügen. Die Kinderhand will hierhin und dorthin abschweifen und muß in der Bahn der Schrift gehalten werden. Hannas Hand wollte nirgendwohin und mußte vorangezwungen werden. Die Linien, die die Buchstaben

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formten, setzten immer wieder neu an, beim Aufstrich, beim Abstrich, vor den Bogen und Schleifen. Und jeder Buchstabe war neu erkämpft und hatte eine neue Schräg- oder Steilrichtung, oft auch eine falsche Höhe und Breite.

Ich las den Gruß und war erfüllt von Freude und Jubel. »Sie schreibt, sie schreibt! « Was immer ich in all den Jahren über Analphabetismus hatte finden können, hatte ich gelesen. Ich wußte von der Hilflosigkeit bei alltäglichen Lebensvollzügen, beim Finden eines Wegs und einer Adresse oder beim Wählen eines Gerichts im Restaurant, von der Ängstlichkeit, mit der der Analphabet vorgegebenen Mustern und bewährten Routinen folgt, von der Energie, die das Verbergen der Lese- und Schreibunfähigkeit erfordert und vom eigentlichen Leben abzieht. Analphabetismus ist Unmündigkeit. Indem Hanna den Mut gehabt hatte, lesen und schreiben zu lernen, hatte sie den Schritt aus der Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt.

Dann betrachtete ich Hannas Schrift und sah, wieviel Kraft und Kampf sie das Schreiben gekostet hatte. Ich war stolz auf sie. Zugleich war ich traurig über sie, traurig über ihr verspätetes und verfehltes Leben, traurig über die Verspätungen und Verfehlungen des Lebens insgesamt. Ich dachte, wenn die rechte Zeit verpaßt ist, wenn einer etwas zu lange verweigert hat, wenn einem etwas zu lange verweigert wurde, kommt es zu spät, selbst wenn es schließlich mit Kraft angegangen und mit Freude empfangen wird. Oder gibt es »zu spät« nicht, gibt es nur »spät«, und ist »spät« allemal besser als »nie«? Ich weiß es nicht.

Nach dem ersten Gruß kamen die nächsten in steter

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Folge. Immer waren es wenige Zeilen, ein Dank, ein Wunsch, vom selben Autor mehr oder auch nichts mehr zu hören, eine Bemerkung über einen Autor oder ein Gedicht oder eine Geschichte oder eine Person aus einem Roman, eine Beobachtung aus dem Gefängnis. »Im Hof blühen schon die Forsythien« oder »ich mag, daß es in diesem Sommer so viele Gewitter gibt« oder »aus dem Fenster sehe ich, wie sich die Vögel zum Flug nach Süden sammeln« - oft haben mich erst Hannas Mitteilungen die Forsythien, Sommergewitter oder Vogelscharen wahrnehmen lassen. Ihre Bemerkungen über Literatur trafen oft erstaunlich genau. »Schnitzler bellt, Stefan Zweig ist ein toter Hund « oder »Keller braucht eine Frau« oder »die Gedichte von Goethe sind wie kleine Bilder in schönen Rahmen« oder »Lenz schreibt sicher auf der Schreibmaschine«. Da sie über die Autoren nichts wußte, setzte sie sie als Zeitgenossen voraus, solange es sich nicht eindeutig verbot. Ich war verblüfft, wieviel ältere Literatur sich in der Tat lesen läßt, als sei sie heutig, und wer nichts über Geschichte weiß, kann erst recht in den Lebensumständen früherer Zeiten einfach die Lebensumstände ferner Gegenden sehen.

Ich habe Hanna nie geschrieben. Aber ich habe ihr immer weiter vorgelesen. Als ich ein Jahr in Amerika verbrachte, schickte ich von dort Kassetten. Wenn ich in Urlaub fuhr oder besonders viel Arbeit hatte, konnte es länger dauern, bis die nächste Kassette fertig wurde; ich habe keinen festen Rhythmus etabliert, sondern Kassetten mal wöchentlich oder vierzehntägig und mal auch erst nach drei oder vier Wochen geschickt. Daß Hanna jetzt,

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nachdem sie selbst lesen gelernt hatte, meine Kassetten nicht mehr brauchen könnte, hat mich nicht beschäftigt. Mochte sie außerdem lesen. Das Vorlesen war meine Art, zu ihr, mit ihr zu sprechen.

Ich habe alle ihre Grüße aufgehoben. Die Schrift wandelt sich. Zuerst zwingt sie die Buchstaben in die gleiche Schrägrichtung und in die richtige Höhe und Breite. Nachdem sie das geschafft hat, kann sie leichter und sicherer werden. Flüssig wird sie nie. Aber sie gewinnt etwas von der strengen Schönheit, die den Schriften alter Leute eignet, die im Leben wenig geschrieben haben.