DRITTER TEIL

 

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Als ich mein zweites Examen schrieb, starb der Professor, der das KZ-Seminar veranstaltet hatte. Gertrud stieß in der Zeitung auf die Todesanzeige. Die Beerdigung war auf dem Bergfriedhof. Ob ich nicht hingehen wolle?

Ich wollte nicht. Die Beerdigung war an einem Donnerstagnachmittag, und am Donnerstag- und Freitagvormittag hatte ich Klausuren zu schreiben. Auch waren der Professor und ich einander nicht besonders nah gewesen. Und ich mochte Beerdigungen nicht. Und ich mochte nicht an den Prozeß erinnert werden.

Aber es war schon zu spät. Die Erinnerung war geweckt, und als ich am Donnerstag aus der Klausur kam, war mir, als hätte ich eine Verabredung mit der Vergangenheit, die ich nicht versäumen durfte.

Ich bin, was ich sonst nicht tat, mit der Straßenbahn gefahren. Schon das war eine Begegnung mit der Vergangenheit, wie die Rückkehr an einen Ort, der einem vertraut war und der sein Gesicht verändert hat. Als Hanna bei der Straßenbahn war, gab es Straßenbahnzüge mit zwei oder drei Wagen, Plattformen am Wagenanfang und -ende, Trittbretter an den Plattformen, auf die man noch

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aufspringen konnte, wenn der Zug schon abgefahren war, und eine durch den Zug laufende Schnur, mit der der Schaffner klingelnd das Signal zur Abfahrt gab. Im Sommer fuhren Straßenbahnwagen mit offenen Plattformen. Der Schaffner verkaufte, lochte und kontrollierte die Fahrscheine, rief die Stationen aus, signalisierte die Abfahrten, hatte ein Auge auf die Kinder, die sich auf den Plattformen drängten, schimpfte mit den Fahrgästen, die auf- und absprangen, und verwehrte den Zutritt, wenn der Wagen voll war. Es gab lustige, witzige, ernste, muffige und grobe Schaffner, und wie das Temperament oder die Stimmung des Schaffners war oft auch die Atmosphäre im Wagen. Wie töricht, daß ich mich nach der mißlungenen Überraschung auf der Fahrt nach Schwetzingen gescheut habe, Hanna als Schaffnerin abzupassen und mitzuerleben.

Ich stieg in den schaffnerlosen Straßenbahnzug und fuhr zum Bergfriedhof. Es war ein kalter Herbsttag mit wolkenlosem, dunstigem Himmel und gelber Sonne, die nicht mehr wärmt und in die das Auge schauen kann, ohne daß es weh tut. Ich mußte eine Weile suchen, bis ich das Grab, an dem auch die Beerdigungsfeierlichkeiten stattfanden, gefunden hatte. Ich lief unter hohen, kahlen Bäumen zwischen alten Grabsteinen. Gelegentlich begegnete ich einem Friedhofsgärtner oder einer alten Frau mit Gießkanne und Gartenschere. Es war ganz still, und ich hörte schon von weitem das Kirchenlied, das am Grab des Professors gesungen wurde.

Ich blieb abseits stehen und musterte die kleine Trauergemeinde. Manche darunter waren offensichtlich Eigenbrötler

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und Sonderlinge. In den Reden über Leben und Werk des Professors klang an, daß er selbst sich den Zwängen der Gesellschaft entzogen und dabei den Kontakt mit ihr verloren hatte, eigenständig geblieben und dabei eigenbrötlerisch geworden war.

Ich erkannte einen ehemaligen Teilnehmer des KZ-Seminars; er hatte vor mir Examen gemacht, war zunächst Anwalt geworden und dann Kneipier und kam in langem, rotem Mantel. Er sprach mich an, als alles vorbei und ich auf dem Rückweg zum Friedhofseingang war. »Wir waren zusammen im Seminar - erinnerst du dich nicht mehr?«

»Doch.« Wir gaben uns die Hand.

»Ich war immer mittwochs im Prozeß, und manchmal habe ich dich im Auto mitgenommen.« Er lachte. »Du warst jeden Tag dabei, jeden Tag und jede Woche. Sagst du jetzt, warum?« Er sah mich an, gutmütig und lauernd, und ich erinnerte mich, daß mir dieser Blick schon im Seminar aufgefallen war.

»Mich hat der Prozeß besonders interessiert.«

»Dich hat der Prozeß besonders interessiert?« Er lachte wieder. »Der Prozeß oder die Angeklagte, die du immer angestarrt hast? Die eine, die ganz passabel aussah? Wir alle haben uns gefragt, was mit dir und ihr ist, aber dich fragen hat sich keiner getraut. Wir waren damals furchtbar einfühlsam und rücksichtsvoll. Weißt du noch ... « Er erinnerte an einen anderen Seminarteilnehmer, der stotterte oder lispelte und viel und dumm redete und dem wir zuhörten, als seien seine Worte eitel Gold. Er kam auf weitere Seminarteilnehmer zu sprechen, wie sie damals waren und was sie heute machten. Er erzählte und erzählte. Aber

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ich wußte, daß er mich am Ende noch mal fragen würde: »So, und was war jetzt mit dir und der einen Angeklagten?« Und ich wußte nicht, was ich antworten, wie ich verleugnen, bekennen, ausweichen sollte.

Dann waren wir am Friedhofseingang, und er fragte. An der Haltestelle fuhr gerade die Straßenbahn an, und ich rief »Tschüß« und rannte los, als könne ich aufs Trittbrett springen, und rannte neben der Bahn her und schlug mit der flachen Hand an die Tür, und es passierte, woran ich gar nicht geglaubt, worauf ich gar nicht gehofft hatte. Die Straßenbahn hielt noch mal an, die Tür ging auf, und ich stieg ein.