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9 »Warum haben Sie nicht aufgeschlossen?« Der Vorsitzende Richter stellte einer Angeklagten nach der anderen dieselbe Frage. Eine Angeklagte nach der anderen gab dieselbe Antwort. Sie habe nicht aufschließen können. Warum? Sie sei beim Einschlag der Bombe ins Pfarrhaus verwundet worden. Oder sie habe unter dem Schock des Einschlags gestanden. Oder sie habe sich nach dem Einschlag der Bombe um die verwundeten Wachmannschaften und anderen Aufseherinnen gekümmert, sie aus den Trümmern geborgen, verbunden, versorgt. Sie habe nicht an die Kirche gedacht, sei nicht in der Nähe der Kirche gewesen, habe den Brand in der Kirche nicht gesehen und die Rufe aus der Kirche nicht gehört. Der Vorsitzende Richter machte einer Angeklagten nach der anderen denselben Vorhalt. Der Bericht lese sich anders. Das war mit Bedacht vorsichtig formuliert. Zu sagen, daß es im Bericht, der sich in den Akten der SS gefunden hatte, anders stand, wäre falsch gewesen. Aber richtig war, daß er sich anders las. Er erwähnte namentlich, wer im Pfarrhaus getötet und wer verwundet worden war, wer die Verwundeten mit dem Lastwagen in ein Lazarett transportiert und wer den Transport im Kübelwagen begleitet hatte. Er erwähnte, daß Aufseherinnen zurückgeblieben waren, um das Ende der Brände abzuwarten, ein Übergreifen zu verhindern und Fluchtversuche im Schutz der Brände zu unterbinden. Er erwähnte den Tod der Gefangenen. Daß die Namen der Angeklagten nicht unter den aufgeführten Namen waren, sprach dafür, daß die Angeklagten zu den zurückgebliebenen Aufseherinnen gehört hatten. Daß die Aufseherinnen zurückgeblieben waren, um Fluchtversuche zu verhindern, sprach dafür, daß mit der Bergung der Verwundeten aus dem Pfarrhaus und der Abfahrt des Transports ins Lazarett nicht schon alles vorbei war. Die zurückgebliebenen Aufseherinnen hatten, so las es sich, den Brand in der Kirche toben lassen und die Türen der Kirche geschlossen gehalten. Unter den zurückgebliebenen Aufseherinnen waren, so las es sich, die Angeklagten gewesen. Nein, sagte eine Angeklagte nach der anderen, so sei es nicht gewesen. Der Bericht sei falsch. Das sehe man schon daran, daß er von der Aufgabe der zurückgebliebenen Aufseherinnen rede, ein Übergreifen der Brände zu verhindern. Wie hätten sie diese Aufgabe erfüllen sollen. Sie sei Unsinn, und ebenso sei die andere Aufgabe, Fluchtversuche im Schutz der Brände zu verhindern, Unsinn. Fluchtversuche? Als sie sich nicht mehr um die eigenen hätten kümmern müssen und um die anderen, die Gefangenen, hätten kümmern können, sei nichts mehr zu fliehen gewesen. Nein, der Bericht verkenne ganz und gar, was sie in der Nacht gemacht, geleistet und gelitten hätten. Wie es zu einem derart falschen Bericht kommen könne? Sie wüßten es auch nicht. Bis die behäbig-gehässige Angeklagte dran war. Sie wußte es. »Fragen Sie die da! « Sie zeigte mit dem Finger auf Hanna. »Sie hat den Bericht geschrieben. Sie ist an allem schuld, sie allein, und mit dem Bericht hat sie das vertuschen und uns reinziehen wollen.« Der Vorsitzende fragte Hanna. Aber es war seine letzte Frage. Seine erste Frage war: »Warum haben Sie nicht aufgeschlossen?« »Wir waren... wir hatten...« Hanna suchte nach der Antwort. »Wir wußten uns nicht anders zu helfen.« »Sie wußten sich nicht anders zu helfen?« »Einige von uns waren tot, und die anderen haben sich davongemacht. Sie haben gesagt, daß sie die Verwundeten ins Lazarett schaffen und wiederkommen, aber sie wußten, daß sie nicht wiederkommen, und wir haben es auch gewußt. Vielleicht sind sie auch gar nicht ins Lazarett gefahren, so schlimm verletzt waren die Verwundeten nicht. Wir wären auch mitgefahren, aber sie haben gesagt, die Verwundeten brauchen den Platz, und sie haben sowieso nichts... waren sowieso nicht scharf darauf, so viele Frauen mit dabei zu haben. Ich weiß nicht, wohin sie sind.« »Was haben Sie gemacht?« »Wir haben nicht gewußt, was wir machen sollen. Es ging alles so schnell, und das Pfarrhaus hat gebrannt und der Kirchturm, und die Männer und Autos waren eben noch da und dann waren sie weg, und auf einmal waren wir mit den Frauen in der Kirche. Irgendwas an Waffen haben sie zurückgelassen, aber wir haben nicht damit umgehen können, und wenn wir's gekonnt hätten - was hätte uns das geholfen, uns paar Frauen? Wie hätten wir die vielen Frauen bewachen sollen? So ein Zug streckt sich lange hin, auch wenn man ihn zusammenhält, und so eine lange Strecke zu bewachen, braucht man viel mehr als uns paar.« Hanna machte ein Pause. »Dann fing das Schreien an und wurde immer schlimmer. Wenn wir jetzt aufgemacht hätten und alle rausgerannt wären ... « Der Vorsitzende wartete einen Moment. »Hatten Sie Angst? Hatten Sie Angst, daß die Gefangenen Sie überwältigen würden?« »Daß die Gefangenen uns ... nein, aber wie hätten wir da noch mal Ordnung reinbringen sollen? Das hätte ein Durcheinander gegeben, mit dem wir nicht fertiggeworden wären. Und wenn sie zu fliehen versucht hätten ... « Wieder wartete der Vorsitzende, aber Hanna sprach den Satz nicht zu Ende. »Hatten Sie Angst, daß man Sie im Fall der Flucht verhaften, verurteilen, erschießen würde?« »Wir hätten sie doch nicht einfach fliehen lassen können! Wir waren doch dafür verantwortlich... Ich meine, wir hatten sie doch die ganze Zeit bewacht, im Lager und im Zug, das war doch der Sinn, daß wir sie bewachen und daß sie nicht fliehen. Darum haben wir nicht gewußt, was wir machen sollen. Wir haben auch nicht gewußt, wie viele Frauen die nächsten Tage überleben. Es waren schon so viele gestorben, und die, die noch lebten, waren auch schon so schwach ... « Hanna merkte, daß sie ihrer Sache mit dem, was sie sagte, keinen Dienst erwies. Aber sie konnte nichts ande- res sagen. Sie konnte nur versuchen, das, was sie sagte, besser zu sagen, besser zu beschreiben und zu erklären. Aber je mehr sie sagte, desto schlechter sah es um ihre Sache aus. Weil sie nicht ein noch aus wußte, wandte sie sich wieder an den Vorsitzenden. »Was hätten Sie denn gemacht?« Aber diesmal wußte sie selbst, daß sie keine Antwort bekommen würde. Sie erwartete keine Antwort. Niemand erwartete eine Antwort. Der Vorsitzende schüttelte stumm den Kopf. Nicht daß man sich die Rat- und Hilflosigkeit, die Hanna beschrieb, nicht hätte vorstellen können. Die Nacht, die Kälte, der Schnee, das Feuer, das Schreien der Frauen in der Kirche, das Verschwinden derer, die den Aufseherinnen befohlen und sie begleitet hatten - wie hätte die Situation einfach sein sollen. Aber konnte die Einsicht, daß die Situation schwierig gewesen war, das Entsetzen über das, was die Angeklagten getan oder auch nicht getan hatten, relativieren? Als sei es um einen Autounfall auf einsamer Straße in kalter Winternacht gegangen, mit Verletzungen und Totalschaden, wo man nicht weiß, was tun? Oder um einen Konflikt zwischen zwei Pflichten, die beide unseren Einsatz verdienen? So konnte man, aber man wollte sich nicht vorstellen, was Hanna beschrieb. »Haben Sie den Bericht geschrieben?« »Wir haben uns zusammen überlegt, was wir schreiben sollen. Wir wollten denen, die sich davongemacht hatten, nichts anhängen. Aber daß wir was falsch gemacht hätten, wollten wir uns auch nicht anziehen.« »Sie sagen also, Sie haben zusammen überlegt. Wer hat geschrieben?« »Du!« Die andere Angeklagte zeigte wieder mit dem Finger auf Hanna. »Nein, ich habe nicht geschrieben. Ist es wichtig, wer geschrieben hat?« Ein Staatsanwalt schlug vor, einen Sachverständigen die Schrift des Berichts und die Schrift der Angeklagten Schmitz miteinander vergleichen zu lassen. »Meine Schrift? Sie wollen meine Schrift ... « Der Vorsitzende, der Staatsanwalt und Hannas Verteidiger diskutierten, ob eine Schrift ihre Identität über mehr als fünfzehn Jahre durchhält und erkennen läßt. Hanna hörte zu und setzte ein paarmal an, etwas zu sagen oder zu fragen, war zunehmend alamiert. Dann sagte sie: »Sie brauchen keinen Sachverständigen holen. Ich gebe zu, daß ich den Bericht geschrieben habe.« |
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