ERSTER TEIL

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Am nächsten Tag war sie weg. Ich kam zur üblichen Stunde und klingelte. Ich sah durch die Tür, alles sah aus wie sonst, und ich hörte die Uhr ticken.

Wieder setzte ich mich auf die Treppenstufen. In den ersten Monaten hatte ich immer gewußt, auf welchen Strecken sie eingesetzt war, auch wenn ich sie nie mehr zu begleiten oder auch nur abzuholen versucht hatte. Irgendwann hatte ich nicht mehr danach gefragt, mich nicht mehr dafür interessiert. Es fiel mir erst jetzt auf.

Von der Telephonzelle am Wilhelmsplatz rief ich die Straßen- und Bergbahngesellschaft an, wurde ein paarmal weiterverbunden und erfuhr, daß Hanna Schmitz nicht zur Arbeit gekommen war. Ich ging zurück in die Bahnhofstraße, fragte in der Schreinerei im Hof nach dem Eigentümer des Hauses und bekam einen Namen und eine Adresse in Kirchheim. Ich fuhr dorthin.

»Frau Schmitz? Die ist heute morgen ausgezogen.«

»Und ihre Möbel?«

»Das sind nicht ihre Möbel.«

»Seit wann hat sie in der Wohnung gewohnt?«

»Was geht das Sie an?« Die Frau, die sich mit mir durch

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ein Fenster in der Tür unterhalten hatte, machte das Fenster zu.

Im Verwaltungsgebäude der Straßen- und Bergbahngesellschaft fragte ich mich zur Personalabteilung durch. Der Zuständige war freundlich und besorgt.

»Sie hat heute morgen angerufen, rechtzeitig, daß die Vertretung organisieren konnten, und gesagt, daß nicht mehr kommt. Gar nicht mehr.« Er schüttelte den Kopf. »Vor vierzehn Tagen saß sie hier, auf Ihrem Stuhl und ich habe ihr angeboten, daß wir sie zur Fahrerin ausbilden, und sie schmeißt alles hin.«

Erst Tage später habe ich daran gedacht, zum Einwohnermeldeamt zu gehen. Sie hatte sich nach Hamburg abgemeldet, ohne Angabe einer Anschrift.

Tagelang war mir schlecht. Ich achtete darauf, daß Eltern und Geschwister nichts merkten. Bei Tisch redete ich ein bißchen mit, aß ein bißchen mit und schaffte es, wenn ich mich übergeben mußte, bis zum Klo. Ich ging in die Schule und ins Schwimmbad. Dort verbrachte ich die Nachmittage an einer abgelegenen Stelle, wo mich niemand suchte. Mein Körper sehnte sich nach Hanna. Ab schlimmer als die körperliche Sehnsucht war das Gefühl der Schuld. Warum war ich, als sie da stand, nicht sofort aufgesprungen und zu ihr gelaufen! In der einen kleinen Situation bündelte sich für mich die Halbherzigkeit der letzten Monate, aus der heraus ich sie verleugnet, verraten hatte. Zur Strafe dafür war sie gegangen.

Manchmal versuchte ich, mir einzureden, daß nicht es war, die ich gesehen hatte. Wie konnte ich sicher sei daß sie es war, wo ich doch das Gesicht nicht richtig er-

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kannt hatte? Hätte ich, wenn sie es gewesen war, ihr Gesicht erkennen müssen? Konnte ich also nicht sicher, daß sie es nicht gewesen sein konnte? Aber ich wußte, daß sie es war. Sie stand und sah - und zu spät.